Ein Fanblock für Geschichte

[…] Die Idee des Fanblocks ist es, verschiedene für das BVB-Stadion wesentliche Elemente in einer konzentrierten Form zusammenzubringen und dabei zugleich den Fokus auf den immer zentraler werdenden Aspekt jedes Stadions, nämlich die Zuschauer und Sportfans, zu richten, erläutert die Künstlerin. Nicht Sportler, sondern Zuschauer stehen hier im öffentlichen Interesse. Was sich wegweisend als Verkehrung in der Akteursstruktur für den Massensport erweist, scheint ebenso beachtlich in der Baukultur zu werden. Der Fanblock - eine jedem Sportfan geläufige Wortspielerei - besteht aus einem begehbaren Kunstobjekt, dessen leuchtender Rotton bereits vom Eingang her die Aufmerksamkeit auf sich zieht und einen Kontrastpunkt zum Rasengrün und zur gelb gestrichenen Außenfassade des angrenzenden Gebäudes bildet. Den unmissverständlichen Sympathiewert jedoch erreicht er durch die knuffige, abgerundete Formgebung, die auch ungeübte Betrachter zum Klimmen, Beobachten und Ausruhen einlädt. Ein idealer Treffpunkt also für Freizeitsportler und deren Fangruppen. In schätzungsweiser Höhe von 1,80 Meter bietet die Skulptur einen hervorragende Aussichtsplattform, von der aus man auf die beiden Übungsfelder und die an anderen Ende gelegene alte Tribüne schauen kann.
Jedoch versteckt Miriam Wetzel hinter dieser Mitspieloption eine künstlerische Idee, die auf eine surreale Anmutung zwischen kleinem Fanblock und großen Spielfeldern abzielt und durch historisierte Details aus dem vorgefundenen Umfeld verstärkt werden soll.
Das machte ihren Entwurf herausragend. Beabsichtigt scheint ein Gefühl für fragil gewordene Kontinuitäten, wenn sie Teile des Geländers des ehemaligen Freiluftschwimmbeckens oder vergleichbare Sitzschalen aus dem Stadion für die Ausführung verwenden will. Sie spielt mit Alltagserinnerungen, gebraucht und verniedlicht sie. Das provoziert insgeheim. Aber, ob diese Bezüge sich herauslesen lassen, bleibt noch offen. Das Vertrauen, die Zeit anhalten zu können, haben wir ja nicht mehr. Aber das Gefühl für glückliche Momente, die sich in Bewegung herstellen lassen und verharren sollen, zieht und immer wieder in die Gegenwart. Was auf dem Sportplatz in der Siegfriedstraße an gebrochener Geschichte verschwindet, geschieht langsamer als gedacht. Bevor die Reste aus der unrühmlichen Vorzeit abgeräumt werden, erinnern sie uns noch, gerade angesichts der wohlfein sanierten Sportplatzflächen.
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Ute Müller-Tischler (Mitglied der Jury) in "kunststadt stadtkunst" Nr. 56